ach über einer Woche in Marokko freuen wir uns auf die kommenden Tage auf See. Wir rechnen mit ca. fünf Tagen bis nach Lanzarote bzw. La Craciosa, einer kleinen vorgelagerten Insel mit einer geschützten Ankerbucht. Das Wetter passt zwar immer noch nicht zu hundert Prozent, aber die Windrichtung soll wohl mehr oder weniger konstant sein. Also fahren wir zunächst wieder an den Zollsteg und klarieren aus, bevor wir raus auf den Atlantik fahren.
Der Wind ist auf unserer Seite. Nach guten zwei Seemeilen sind die Segel gesetzt und die Maschine geht aus. Eineinhalb Stunden später erreichen wir das Kap Spartel. Das Kap ist die geografische Grenze zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Mittelmeer, hier ändert sich schlagartig die Farbe des Wassers und es treffen Strömungen und Wellenrichtungen aufeinander. Wir fahren um das Kap herum und nahmen Kurs auf die Kanaren. Eine Weile ist es etwas schaukelig auf der SEVEN und wir versuchen einen möglichst angenehmen Kurs zum Wind beizubehalten. Nach ein paar Seemeilen und etwas Abstand zur Küstenlinie beruhigt sich die See allmählich und der Atlantik empfängt uns mit prima Segelwind und wenig Welle. So haben wir uns das vorgestellt 😊
Selbstverständlich befolgen wir einen alten Brauch und opfern den Meeresgöttern einen klaren Schnaps, mit der Bitte um ruhige See und angenehme Winde. Dabei gibt es einen Schluck für den Ozean und jeweils einen kleinen für die Crew – sicher ist sicher. Am ersten Tag auf See stehen Großsegel und Spinnaker gut eingestellt zum Wind und die SEVEN gewinnt immer größeren Abstand zum Land. So segeln wir in den Sonnenuntergang und überlegen uns, ob das Leichtwindsegel in der Nacht gesetzt bleibt oder nicht. Dafürsprechen würden die konstante Windrichtung und Windgeschwindigkeiten sowie die gute Geschwindigkeit durchs Wasser. Dagegen spricht, dass wir uns eigentlich an unsere Regel halten wollen, kein Leichtwindsegel bei Dunkelheit zu fahren… Die Konditionen erscheinen jedoch so gut und wir sind ja nun auch zu dritt an Bord, sodass wir das Leichtwindsegel doch stehen lassen und in die Nacht starten. Katie, unser drittes Crewmitglied, beginnt mit der ersten Wachschicht von 20:00 Uhr bis Mitternacht und wir beide gehen schlafen. Das ist ganz schön seltsam, dass wir beide zusammen im Bett liegen und unser Boot weiter segelt, das gabs noch nie. Normalerweise sind wir zu zweit unterwegs und einer von uns beiden hält während der Nachtfahrten immer Wache. Leider kommt es auch dann auch wie es kommen musste, der Wind nimmt kontinuierlich zu und es wird böiger. Also muss der Spinnaker nun doch runter. ‚All hands on deck‘, Großsegel setzen und den Spi im Windschatten vom Groß bergen. Im Dunkeln, mit Wind und Welle ist das doch etwas knifflig, hier hilft uns Katies Erfahrung als Regattaseglerin, sie kommt auf dem Vorschiff gut klar.
Mit der Beseglung für die weitere Nacht gehen wir auf Nummer sicher und segeln unter ausgebaumter Genua. Die weitere Nacht verläuft ruhig und wir starten in den zweiten Tag auf See. Tagsüber weht der Spinnaker wieder und sorgt für gute Geschwindigkeit und wir schaffen ca. 140 Seemeilen in 24 Stunden, ein ganz guter Schnitt.
Die SEVEN samt Crew gewöhnt sich schnell ans Ozeansegeln. Vor allem die Wellen sind hier etwas länger als im Mittelmeer, was sehr angenehm ist. Bis kurz vor Sonnenuntergang zieht der Spinnaker die uns mit guten 7 Knoten Fahrt durchs Wasser gen Süden. Mit Anbruch der Dunkelheit wird das Vorsegel wieder ausgebaumt, wir befolgen jetzt wieder brav unsere Regel, kein Spi in der Nacht! Am dritten Tag auf dem Ozean lassen Wind und Welle stetig nach, das Wasser wird immer ruhiger und präsentiert sich als ‚Ententeich‘. Das war es dann auch erstmal mit dem Segeln. Wenn selbst das Leichtwindsegel einfällt, wird’s Zeit für den Diesel. So motoren wir dann in die Nacht. Immer wieder tauchen AIS-Signale von Fischerbooten auf unserem Plotter auf. Wir halten hier ausreichend Abstand oder weichen aus, da man nie weiß ob mit Schleppnetzen gefischt wird und wie lang diese hinterher geschleppt werden. In der Nacht zieht zudem noch Nebel auf und die Sichtweite reicht gerade mal bis kurz hinter unsere Positionslichter. Zu den großen Fischtrawlern mit AIS tauchen plötzlich auch noch unbeleuchtete kleine Holzboote auf, die mit schwenkenden Taschenlampen auf sich oder ausgebrachten Netze aufmerksam machen. Wir hatten schon gelesen, dass vor der marokkanischen Küste mit oberflächennetzten gefischt wird. Doch wo sind diese genau? Außer dichtem Nebel ist nichts zu sehen. Micha versucht über Funk eines der Fischerboote zu erreichen, um nach eventuellen Netzen zu fragen, jedoch leider ohne Erfolg, wir erhalten keinerlei Reaktion. Backbord voraus machen wir nun jedoch Blitzlichter auf Bojen aus, das müssen die Fischernetze sein. Wir ändern also den Kurs in Richtung offener Ozean und hoffen so aus dem Gebiet der Fischernetze herauszukommen. Wohlbemerkt, befinden wir uns bereits über 45 Seemeilen (rund 85 Kilometer) vor der marokkanischen Wüstenküste. So weit draußen sind wir noch nie auf Fischernetze gestoßen. Meile für Meile erstrechen sich die Netze, immer wieder tauchen Bojen mit Blinklichtern neben oder vor uns auf. Erst ca. 50 Seemeilen von der Küste entfernt tauchen endlich keine weiteren Lichter in unserer Kurslinie auf und es wird in den frühen Morgenstunden etwas entspannter. Der Ozean ist nach wie vor spiegelglatt, der neueste Wetterforecast lässt jedoch auf etwas Wind am Nachmittag hoffen. Bis dahin steuert der Autopilot strikt seinen Kurs und wir genießen ein leckeres Frühstück. Noch immer sehen wir vereinzelt kleine Fischerboote und sprechen gerade darüber, ob wir schonmal etwas von Piraterie in marokkanischen Gewässern gehört haben, als eines der Holzboote losfährt und in unsere Richtung kommt. Durch das Fernglas können wir zwei Personen an Bord erkennen. Das fühlt sich führ uns nun ein bisschen seltsam an, aber erst mal schauen was jetzt so passiert, eine andere Wahl haben wir schließlich nicht. Was wäre wenn es sich tatsächlich um einen Übergriff handelt? Haben wir einen Plan? Ja, den haben wir. Beim kleinsten Anzeichen eines Überfalls senden wir einen Distress Call über unser Funkgerät ab, diesen Notruf erhalten alle sich in der Nähe befindlichen Schiffe. Des Weiteren ist ein Segelboot durchaus wendig und man kann ein ungewolltes Anbordkommen schon eine gewisse Zeit lang verhindern. Diverse Möglichkeiten zur Abwehr lassen sich an Bord ebenfalls finden.
Aber so weit kommt es glücklicherweise nicht. Es handelt sich um zwei marokkanische Fischer in einem ca. 6m langen Holzboot mit 20Ps Außenborder und einer ordentlichen Anzahl an Benzinkanistern an Bord. Die beiden wollen uns offenbar einen Fisch verkaufen und halten einen wirklich prachtvollen Schwertfisch hoch. Wir lehnen jedoch dankend ab. Die beiden kommen dennoch näher heran und signalisieren uns, dass sie Zigaretten haben wollen. Alles klar, wenn wir sie damit loswerden, gerne. Micha wirft den Fischern ein paar Zigaretten rüber, die Fischer bedanken sich, wünschen „bon voyage“ und drehen ab. Was für eine Erfahrung. Es waren vermutlich arme Fischer, die Ihren Lebensunterhalt mit Hochseefischen verdienen. Ihr Boot hingegen ist alles andere als Hochseetauglich.
Der restliche Tag verläuft ruhig. Mit schönem Segelwind und relativ ruhiger See geht es weiter in Richtung der Kanaren. Nach der fünften Nacht auf See kommt endlich Land in Sicht! Kurz nach Sonnenaufgang fahren wir durch den Kanal zwischen Lanzarote und La Graciosa in unsere Ankerbucht. Am Ankerplatz ist es sehr windig und wir sind doch etwas geschafft von den fünf Nächten auf See. Wir gehen daher auf la Graciosa nicht an Land und machen uns stattdessen einen gemütlichen Tag an Bord. In den kommenden Tagen ist noch stärkerer Wind gemeldet, so entscheiden wir uns dafür in den Süden von Lanzarote zu segeln und einige Tage in der Marina Rubicon, in Playa Blanca zu verbringen. Hier treffen wir auch unsere Freunde von der Vaquita und Marlin wieder, die sich ebenfalls Lanzarote anschauen wollen. Insgesamt verbringen wir zwei lustige Abende miteinander.
Wir nutzen den sicheren Marina Liegeplatz auch um die Insel mit einem 125er Roller zu erkunden. Lanzarote hat beeindruckend viel zu bieten und ist um einiges vielfältiger als es auf den ersten Blick, von Seeseite erscheint. Unser Weg führt uns zunächst nach El Golfo, ein kleiner Küstenort im Südwesten der Insel. Hier besuchen wir den ‚Charco Verde‘ (grüner Teich) ein versunkener Vulkankrater direkt am Strand, der durch unterirdische Verbindungen zum Meer eine Lagune gebildet hat. Der See hat eine tiefgrüne Farbe, die durch einzellige Algen entsteht. Umgeben von schwarzem Vulkansand, roten Felsen und tiefblauem Ozeanwasser ergibt ein beeindruckendes Farbenspiel. Weiter geht es nach ‚Los Hervideros‘, ein Hotspot der Naturgewalten. Der raue Atlantik trifft hier auf die zerklüftete vulkanische Küste und gibt unglaubliche Töne von sich. Hier kann man die Kraft von Mutter Natur förmlich spüren.
Einzigartig auf Lanzarote ist auch die Art des Weinanbaus. Im Naturschutzgebiet La Geria wächst der Wein traditionell in kleinen Kratern bzw. Erdmulden, von bis zu drei Metern Tiefe. Die Rebstöcke werden jeweils einzeln angepflanzt und wachen bodennah. Meist werden die Rebstöcke zusätzlich noch durch eine kleine, halbrunde Vulkansteinmauer vor dem Wind geschützt. Die Vielzahl der schwarzen Krater, mit den leuchtend grünen Rebstöcken ergeben ein prachtvolles Landschaftsbild.
Nach einem Mittagessen in Teguise, schauen wir uns noch den Nationalpark Timanfaya an. Der Nationalpark erstreckt sich über 51 km² einer Vulkanlandschaft. Geprägt von schwarzen Lavafeldern, rostig rot leuchtenden Bergen und Vulkankegeln sowie den "Montañas del Fuego" - den Feuerbergen – bietet eine einzigartige Landschaft.
Lanzarote hat uns wirklich begeistert und wir waren froh mit dem Roller unterwegs zu sein. So konnten wir die Landschaft besser wahrnehmen und genießen. Die Insel ist definitiv nochmal einen Besuch wert.