Es wird spannend, der Abfahrtstag ist festgelegt! Ein passables Wetterfenster für die Abfahrt ist gefunden, am 30.11.2024 geht es los. Die SEVEN verlässt nun bis auf weiteres Europa und wird wahrscheinlich so schnell auch nicht wieder zurückkehren. Die ersten 30 Seemeilen entlang der Küste von Teneriffa läuft der Diesel, denn wir sind in der Landabdeckung und es herrscht leichter Gegenwind. Am Abend, kurz nach Anbruch der Dunkelheit, sind wir dann endlich an der Südspitze und können Segel setzen. Zunächst folgen wir einem westlichen Kurs, weiter raus auf den Atlantik, da dort in den nächsten Tagen ein stabilerer Wind sein wird. Der Wind kommt aus schräg achterlicher Richtung und füllt die Segel ganz ordentlich. Großsegel und Vorsegel sind jeweils ausgebaumt und stehen absolut fest. Wir machen dauerhaft über 7 Knoten Fahrt durchs Wasser, was in der Nacht ziemlich schnell ist. Wind und Böen sind recht stabil, anders als die Welle. Diese macht uns etwas zu schaffen, da sie uns eher seitlich als von achtern trifft. Wir sind zwar sehr schnell unterwegs, dafür aber auch äußerst unkomfortabel. An Schlaf ist dadurch in den ersten Tagen und Nächten nicht zu denken, das ganze Schiff wird kontinuierlich herumgerollt. Westlich von uns zieht ein Tiefdruckgebiet auf und bringt eine Gewitterfront mit sich. Wir verändern unseren Kurs daher etwas nach Osten. Somit kommen nun auch die Wellen etwas achterlicher, was angenehmer ist. Nun haut uns gefühlt nur noch jede zehnte Welle auf die Seite um… Aufgrund dessen steuern wir viel per Hand. Der Autopilot kommt zwar mit den Wellen gut klar und der Ruderdruck ist noch akzeptabel, jedoch sieht er leider die Wellen nicht kommen und reagiert demnach zu spät. Wirklich erstaunlich, wie konzentriert wir auch nach Tagen ohne ausreichend Schlaf noch sind.
So langsam gewöhnen wir uns wieder an den Bordalltag auf See und auch das Schlafen funktioniert besser, das „Bett“ wurde dazu kurzerhand ins Cockpit verlegt. Funktioniert prima, Lifeline in die Rettungsweste und am Boot eingepickt, so sind wir gegen Herumrollen und Herunterfallen gesichert.
Seit Tagen beobachten wir ein weiteres Tiefdruckgebiet bzw. eine lokale Störung. Wenn wir den direkten Kurs nach Mindelo halten, fahren wir direkt in das Tiefdruckgebiet mit sehr hoher Gewitterwahrscheinlichkeit. Das wollen wir natürlich nicht und ändern unseren Kurs mehr in südliche Richtung, ziemlich parallel zur Küste des Senegals. Es ist sportlich. Winde mit 35 Knoten und Böen bis an die 40 Knoten drücken uns ganz ordentlich. Zudem nimmt auch die Welle eine für uns bis dahin noch nie dagewesene Höhe an. Noch nie sind Wellen seitlich von hintern ins Cockpit eingeschlagen. Noch nie sind so viele Wellen kurz vor der Bordwand gebrochen und über das Deck gefegt. Die Besegelung besteht aktuell nur aus einem gerefften Vorsegel, in Größe einer Sturmfock. Die Segelfläche ist winzig und dient lediglich dafür, dass das Boot kontrollierbar bleibt. Denn inzwischen surfen wir die Wellen mit 10-15 Knoten herunter. Hier ist höchste Konzentration gefragt, denn das Boot darf nicht querschlagen. Es wird dunkel und Wind und Welle nehmen immer weiter zu. Im gesamten Rigg wird ein bedrohlich klingendes Pfeifen erzeugt, sodass einem deutlich klar gemacht wird, wer hier draußen das Kommando hat. Eindeutig Mutter Natur und Sie ist gnadenlos. Nahezu platt vor dem Wind laufen wir ab und halten unser Boot auf Kurs. Wir steuern wieder per Hand und sind dabei mit einer Lifeline im Cockpit eingepickt. In den schlimmsten Stunden wechseln wir beide uns im Stundentakt mit dem Steuern ab. Im Morgengrauen entspannt sich die Lage etwas und der Autopilot übernimmt seine Schicht. Die gespeicherten Höchstgeschwindigkeiten, sowohl Fahrt durchs Wasser als auch Fahrt über Grund, sind beachtlich und definitiv neue Rekorde. Maximale Fahrt durchs Wasser in dieser Nacht sind 10,6 Knoten. Die max. Fahrt über Grund (GPS Speed) ist mit 15,4 Knoten ebenfalls neuer Rekord. Wir sind die Wellen also ganz schön schnell herab gesurft und hatten dennoch zu jeder Zeit die Kontrolle über das Boot. Die Bedingungen sind immer noch sportlich aber bei Tageslicht ist es schon deutlich angenehmer. Wir haben es geschafft, um die Gewitter herumzufahren und kommen unserem Zwischenziel näher. Nur noch eine Nacht und ein Tag bis Mindelo. Unter Schmetterlingbesegelung steuern wir nun direkt auf die Insel Sao Vincente zu. Am letzten Tag lässt der Wind deutlich nach, das bedeutet leider, dass wir es nicht schaffen bei Tageslicht in die Bucht von Mindelo zu fahren. In der Bucht liegen einige Wracks und sehr viele Boote vor Anker. Auch so manches unbeleuchtetes Hindernis macht die Navigation in der Nacht zu einer Herausforderung. Freunde von uns sind bereits angekommen und schicken uns kurzerhand ihre aufgezeichnete Route ins Ankerfeld. Darüber hinaus wird für uns ein blaues Licht als Erkennungsmerkmal unter dem Bimini vom Boot „La Louve“ gehängt. Die Einfahrt bei Nacht mit all den Hindernissen war somit kein Problem und der Anker fällt nach nicht ganz vollen 8 Tagen vor Mindelo auf den Kap Verden. Hier nochmal vielen Dank für den Support an „Sailing Pangea“ und „La Louve“. Die nächste Etappe ist geschafft! Was für eine Fahrt…
Wir sind wieder zurück in Afrika. Nach Marokko nun das zweite afrikanische Land und weitere Tausend Seemeilen auf dem Ozean liegen hinter uns. Ein langer Aufenthalt in Mindelo ist nicht geplant, sondern vielmehr nur ein kurzer Stopp, um zu verschnaufen und frische Lebensmittel für die eigentliche Ozeanüberquerung aufzustocken. Nach der ersten Nacht vor Anker kontaktieren wir über Funk die einzige Marina der Kap Verden und bekommen kurze Zeit später einen Liegeplatz im Hafen zugewiesen. Der erste Landgang führt zu Customs & Immigration, ein paar Gehminuten vom Hafen entfernt. Die Menschen sind allesamt sehr freundlich und sprechen verständliches Englisch, sodass das Einklarieren schnell und problemlos klappt.
Wir sind positiv überrascht von Mindelo. Im Voraus haben wir viele Geschichten zur hohen Kriminalität, vielen Bettlern auf den Straßen sowie den rauen Bedingungen in der Marina Mindelo gehört und waren somit bei der Ankunft auf das Schlimmste vorbeireitet. Was wir jedoch vorgefunden haben, ist eine schöne und bunte Stadt. Freundliche und hilfsbereite Menschen, Musik in den Straßen sowie eine schöne Marina mit schwimmender Bar, um abends mit anderen Seglern noch ein Bierchen zu trinken. Mindelo ist fröhlich und farbenfroh, mit dem Staatsmotto „No Stress“. Märkte mit Lebensmitteln und Handelswaren aller Art, Häuser in allen Farben sowie aufwändig bemalte Fassaden gestalten das Straßenbild. Gesang und Livemusik erklingen am Abend aus Restaurants und Bars. Lediglich die rauen Bedingungen in der Marina können wir bestätigen. Es kommt doch sehr viel Schwell an und die Ruckdämpfer an den Festmacherleinen haben ganze Arbeit zu leisten. Das haben wir in diesem Ausmaß noch nie erlebt.
In der Marina treffen wir wieder auf die Crew von Sailing Pangea und Sailing Cooee und wir beschließen gemeinsam die eigentliche Atlantiküberquerung zu starten. Kein Tag vergeht, indem nicht jede Aktualisierung der Wettermodelle genau studiert werden. Die Seven ist so weit wieder startklar, lediglich die letzten frischen Lebensmittel müssen eingekauft werden und der Gang zum Ausklarieren fehlt noch.